„Die Vergangenheit nicht verdrängen“ – Interview mit dem Weser Kurier

Anlässlich des Fachgesprächs zum Umgang mit unserem (post-)kolonialen Erbe am 15. November sprach ich mit Hans-Ulrich Brandt vom Weser Kurier über die Aufarbeitung der deutschen Kolonialherrschaft. Auch die Äußerungen des Afrika-Beauftragten der Bundeskanzlerin waren Gegenstand unseres Gesprächs. Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Brandt und des Weser Kuriers stelle ich das Interview auf meiner Homepage zur Verfügung.

 

Weser Kurier: Frau Kappert-Gonther, an diesem Donnerstag diskutiert die GrünenFraktion im Bundestag über das Thema postkoloniale Aufarbeitung. Warum ist Ihnen und Ihrer Partei das gerade jetzt so wichtig?

Kirsten Kappert-Gonther: Deutschland war eine Kolonialmacht – es geht um den verantwortungsvollen Umgang mit unserer Geschichte. Leider aber ist die koloniale Vergangenheit nach wie vor ein blinder Fleck in der Geschichtsschreibung. 2018 jährt sich das Ende der Kolonialherrschaft zum 100. Mal. Es ist an der Zeit, die von Deutschland begangenen kolonialen Verbrechen aufzuarbeiten, zum Beispiel den Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia, dem damaligen Deutsch-Südwestafrika.

 

In Bremen gibt es dafür einen Gedenk- und Erinnerungsort, den Elefanten vor der Bürgerweide. Gerade Bremen ist also nicht der Vorwurf zu machen, hier würde Deutschlands koloniale Vergangenheit verdrängt.

Es gibt sowohl in Bremen als auch in Hamburg, Berlin und anderen Orten tolle Initiativen, die unsere koloniale Vergangenheit einordnen, sich der Verantwortung, die daraus erwächst, stellen. In Bremen sind Initiativen wie „Der Elefant“ und „Decolonize Bremen“ sehr aktiv. Im bundesdeutschen Kontext aber ist das Thema nach wie vor viel zu stark vernachlässigt. Am Elefanten in Bremen befindet sich das einzige Mahnmal bundesweit, das an den Völkermord an Herero und Nama erinnert.

 

Die fehlende Aufarbeitung ist das eine, was die Grünen bemängeln. Sie kritisieren aber auch vehement den Afrika-Beauftragten der Bundesregierung, Günter Nooke (CDU). In einem offenen Brief ans Kanzleramt fordern Sie und sieben andere Fraktionskollegen seine Entlassung. Warum?

Günter Nooke hat in einem Interview mit der „Berliner Zeitung“ die kolonialen Verbrechen verharmlost. Seine Aussage, dass der Kalte Krieg Afrika viel mehr geschadet habe als der Kolonialismus, finde ich empörend. Ich halte das für eine starke Relativierung der in dieser Zeit begangenen Verbrechen. Zudem hat er in dem Interview gesagt, die Kolonialmächte hätten „Afrika aus seinen archaischen Strukturen befreit“. Damit zementiert er die Behauptung von einer Ungleichwertigkeit der Kulturen. Er stellt die nordeuropäische Kultur auf eine höhere Stufe als die afrikanische. In seinen Äußerungen offenbaren sich tradierte Rassismen. Günter Nooke sollte schnellstens abgelöst werden.

 

Gibt es schon eine Reaktion aus dem Kanzleramt?

Nein, auf solch einen offener Brief reagiert das Kanzleramt üblicherweise nicht direkt. Wir haben damit aber eine intensive politische Debatte in Berlin ausgelöst. Und wir werden bei der nächsten Regierungsbefragung wieder dezidiert nachfragen, wie die Kanzlerin und die Bundesregierung dazu stehen.

 

Sie haben nach dem Interview auch eine schriftliche Anfrage an die Bundesregierung gestellt. Wurde Ihnen denn darauf geantwortet?

Ja, mit ziemlich wolkigen Worten. Es wurde mir versichert, die Bundesregierung würde sich für die Aufarbeitung kolonialer Verbrechen stark machen und jede Form von Rassismus ablehnen. In der Konsequenz heißt das aber für mich: Günter Nooke müsste entlassen werden.

 

Sie werfen dem Afrika-Beauftragten auch vor, die Millionen Todesopfer des Kolonialismus durch Krieg, Zwangsarbeit und Gewalt nicht zu erwähnen. Muss er das in jedem Interview tatsächlich immer wieder tun, damit er sich in ihren Augen nicht angreifbar macht?

Aus meiner Sicht kommt es auf die Haltung an. Niemand sollte koloniale Verbrechen relativieren. Und niemand sollte tradierte Behauptungen von der Ungleichwertigkeit der Kulturen fortschreiben. Beides hat Günter Nooke gemacht. Das zeigt: Er ist nicht der richtige Mann für dieses Amt.

 

Teilen Sie denn seine Aussage, dass in vielen afrikanischen Ländern in der Zeit nach ihrer Unabhängigkeit „mehr korrupte Eliten entstanden als in der Kolonialzeit“?

Ich halte das für einen falschen Vergleich. Korruption ist in jeder Hinsicht zu verurteilen  und zu bekämpfen, klar. Aber Nooke impliziert mit seiner Aussage, der Kolonialismus sei eben gar nicht so schlimm gewesen. Das ist für mich der Versuch einer Exkulpation – einer Entlastung vom Vorwurf der Schuld. Ich meine, wir sollten gemeinsam nach geeigneten Wegen suchen, verantwortlich mit unserer Vergangenheit umzugehen. Aus meiner Sicht sind dafür entscheidende Werkzeuge Demut und Augenhöhe mit den Nachfahren der Kolonialisierten. Beides vermisse ich bei Nooke.

 

Union und SPD haben in ihrem Koalitionsvertrag festgelegt, die deutsche Kolonialgeschichte kritisch aufarbeiten zu wollen. Erkennen Sie da irgendwelche Bemühungen?

Ja, durchaus. Mich freut es sehr, dass die Koalition erkannt hat, dass es dringend an der Zeit ist, unser koloniales Erbe anzuerkennen. Das ist ein entscheidender erster Schritt. Bisher bleibt es aber im Wesentlichen bei Ankündigungen. Sehr beeindruckend finde ich allerdings, wie ernst die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Michelle Müntefering, dieses Thema nimmt. Leider haben die Haushaltsberatungen gezeigt: Für das Thema sind viel zu wenig Mittel eingestellt worden. Es gibt zum Beispiel kein Geld für die Planung eines Lern- und Forschungsortes. Genau solch einen Ort brauchen wir aber nach Auffassung der Grünen Bundestagsfraktion, um die koloniale Geschichte darzustellen und nach einem angemessenen Umgang mit unserem postkolonialen Erbe zu suchen.

 

Kein Geld heißt also: Das im Koalitionsvertrag festgeschriebene Ziel der postkolonialen Aufarbeitung ist ein Lippenbekenntnis?

Ja, bisher belässt es die Bundesregierung bei vielen Ankündigungen und wenig Handlung. Dabei ist es so entscheidend, dass wir uns als Gesellschaft mit diesem Erbe auseinandersetzen. Denn wer die Vergangenheit verdrängt, der trifft falsche Entscheidungen für Gegenwart und Zukunft.

 

Das Interview führte Hans-Ulrich Brandt. Kirsten Kappert-Gonther ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages. Die Bremer Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie ist seit 2002 Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen.

 

Kommentar verfassen

Artikel kommentieren


* Pflichtfeld

Mit der Nutzung dieses Formulars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer Daten durch diese Website einverstanden. Weiteres entnehmen Sie bitte der Datenschutzerklärung.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Verwandte Artikel