Bericht von der Rückgabezeremonie historischer Gebeine an Nama und Herero in Berlin

Wer die Vergangenheit verdrängt, trifft falsche Entscheidungen für Gegenwart und Zukunft. Die deutschen kolonialen Verbrechen gehören zu den meist verdrängten Ereignissen unsere Geschichte. Viele haben noch nie davon gehört, dass Deutschland Kolonialmacht war und erst recht nicht davon, dass deutsche Truppen für den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts verantwortlich waren. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Zehntausende Herero und Nama im damaligen „Deutsch-Südwest“, dem heutigen Namibia umgebracht. In deutschen Museen und Forschungseinrichtungen befinden sich bis heute eine unbekannte Menge von geraubten Kunstgegenständen und eben auch von sterblichen Überresten der ermordeten Menschen. Sie haben keinen Namen mehr, nur eine Nummer in Archiven. Aber sie haben eine Geschichte und Nachfahren.

Gestern hat im Französischen Dom in Berlin eine offizielle Übergabe von sterblichen Überresten an die rechtmäßigen Erben stattgefunden. Es war eine würdige Zeremonie, die über vier Stunden gedauert hat. Die Übergabe ist ein richtiger und wichtiger Schritt. Das reicht aber längst nicht. Zahlreiche NGOs in Deutschland und Namibia, die Nachfahren der Herero und Nama und die namibische Regierung sind sich einig: Deutschland muss endlich offiziell die grausamen Morde als Genozid anerkennen, es braucht eine offizielle Bitte um Entschuldigung seitens der deutschen Regierung und es muss endlich eine Einigung zu Reparationszahlungen gefunden werden. Es wurde zu Recht kritisiert, dass die Zeremonie komplett in einem religiösen Rahmen und eben nicht in einem staatlichen Rahmen stattfand.

Angereist war eine offizielle und eine inoffizielle Delegation. Ich hatte mich im Vorfeld mit beiden getroffen. Am Übergabetag habe ich sowohl an der Mahnwache der NGOs teilgenommen, als auch auf Einladung des Auswärtigen Amtes an der Zeremonie im Französischen Dom. Ich bin, während ich diesen Bericht schreibe, immer noch tief bewegt von den Begegnungen, Gesprächen  und Erlebnissen.

Es ist völlig klar, Anerkennung und Bitte um Entschuldigung sind überfällig. Darüber hinaus braucht es aber auch eine zentrale Gedenkstätte mit Dokumentationszentrum zum Gedenken und zur Aufarbeitung. Mein Traum wären zwei korrespondierende Mahnmale in Namibia, um zwar in der Region Namibias, wo der Genozid stattgefunden hat und in Berlin – beide gemeinsam entworfen von Künstler*innen der Herero und Nama und deutschen Künstler*innen. Diese Idee habe ich mit den Nachfahren der Herero und Nama gestern diskutiert und sie fanden die Idee sehr gut, damit etwas heilen kann. Tradierte Vorstellungen von behaupteter Ungleichwertigkeit zementieren heutigen Alltagsrassismus. Es ist – nicht nur wegen der erstarkenden Rechten – an der Zeit, endlich auf Augenhöhe eine angemessene Erinnerungskultur zu entwickeln. Vekuii Rukoro, der Chief der Herero hat meinen Satz in seiner zentralen Rede während der Übergabezeremonie zitiert: „If you suppress the past, you make wrong decisions in presence and future.“ Es gibt viel zu tun.

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