Wer den Einzelnen sieht, will die Welt verändern

Kanzelrede zum Buß- und Bettag, 16.11.16

Liebe Buß- und Bettags-Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer des Nordwestradios,

der vorgeschlagene Text für heute steht bei Matthäus 11, Vers 28–30:

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid,
Ich will euch erquicken.
Nehmt auf Euch mein Joch und lernt von mir,
denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig;
so werdet Ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist Licht.“

Ein wunderschöner Text, schon alleine das Wort „erquicken“ finde ich so belebend.

Wir können uns wohl alle leicht Situationen vorstellen, in denen diese Worte wohl tun. Situationen in denen die Haltung des unbedingten Angenommenwerdens uns zutiefst tröstet. Wenn wir traurig oder verzweifelt sind, erschöpft oder hoffnungslos, oder einfach auch nur müde von zu viel Arbeit. Oder wenn wir uns fragen, wie wir mit der Situation in der Welt umgehen , was wir der Unruhe entgegen setzen können, dann brauchen wir das Gefühl, dass wir nicht alleine sind, dass da jemand ist, der uns annimmt, der uns sieht und der uns unterstützt. Das da jemand ist, der uns liebevoll anblickt oder in den Arm nimmt – der uns spüren lässt: du bist nicht alleine, genau so wie du bist, bist du mir willkommen. Bei mir darfst du ankommen und dich zu Hause fühlen.

Der heutige Buß- und Bettags-Gottesdienst steht genau unter diesem schönen Motto „Ankommen“.

Unsere Welt ist in Unruhe. Spätestens seit der amerikanischen Präsidentschaftswahl in der vergangenen  Woche  sind viele von uns beunruhigt und wir spüren : unsere offene und freie Gesellschaft ist in Gefahr. Auch in der Türkei und in vielen anderen Regionen der Welt erleben wir, wie unsere demokratischen Grundwerte bedroht sind. Wir erleben, wie Andersdenkende, Andersgläubige ausgegrenzt und verfolgt werden. Die kollektive Abwertung von Gruppen wird auch bei uns in Deutschland wieder hoffähig. Ich finde, dagegen müssen wir gemeinsam aufstehen!

Millionen von Menschen sind weltweit auf der Flucht. Wir haben in Deutschland und hier bei uns in Bremen erlebt wie tausende Menschen, die vor Not und Vertreibung zu uns fliehen, aufgenommen und willkommen geheißen wurden. Dabei war für die Geflüchteten beides notwendig, um bei uns, um in unserer Mitte ankommen zu können: das Dach über dem Kopf das Sicherheit verhieß, Essen, Kleidung UND Menschen, die gesagt und gezeigt haben : willkommen, willkommen bei uns, wir stehen das zusammen durch – ich bin an deiner Seite.

Ich stehe nicht  über dir, ich stehe nicht unter dir, sondern neben dir – ich stehe an deiner Seite. Und diese Menschen gibt es überall in Deutschland und in Bremen – ich finde das wunderbar und tröstlich.

Wir erleben aber leider auch das Gegenteil. Wir sehen, wie Geflüchteten und anderen Minderheiten Hass und Gewalt entgegen schlägt. Wir erleben Populisten, die Hass schüren und so die Spaltung unserer Gesellschaft vorantreiben.

Hass, Missgunst und Abwertung wird verbreitet gegenüber Menschen, die als fremd erlebt werden. Wir aber können dem Hass mit Menschlichkeit, mit Liebe, mit einer klaren Haltung entgegen treten und sagen: willkommen , komm zu uns, wir wollen erfahren wer du bist.

Was haben diese Gedanken nun mit unserem heutigen Text  zu tun?

In dem Text geht es um etwas ganz Grundsätzliches, das uns Viel für die aktuelle Situation lehren kann.

Jede und jeder von uns hat eine tiefe und berechtigte Sehnsucht danach, gesehen und anerkannt zu werden. Wir möchten gesehen und anerkannt werden, in unserem So-sein, in unserer Individualität, in unserer Besonderheit. Und so ist es ja: jeder Mensch ist etwas ganz Besonderes.

Mich berührt immer wieder der Gedanke, dass es Milliarden von Menschen auf der Welt gibt und alle unterscheiden sich – alle sehen unterschiedlich aus – es gibt jedes Gesicht nur einmal und niemand Anderes auf der ganzen Welt sieht genau so aus. Selbst eineiige Zwillinge unterscheiden sich in ihrem Ausdruck.

Und mit unserem Wesen und unserer Seele ist es ganz genauso. Ich bin Ärztin und Psychotherapeutin. Seit über 20 Jahren begleite ich Menschen in seelischen Krisen, manche mit schweren  psychischen Krankheiten. In meiner täglichen Arbeit erlebe ich: die Seele eines jeden Mensch ist genauso einzigartig wie das Äußere – jede und jeder ist etwas ganz Besonderes. Es gibt eben keinen Menschen, der auf die gleiche Art depressiv oder psychotisch ist, wie ein anderer. Immer, auch in der Krankheit, bleibt die Besonderheit einer jeden Menschen erkennbar. Darum ist es ja auch so wichtig, dass wir unsere Behandlung auf den ganzen Menschen, auf jeden einzelnen ausrichten. Die Basis einer jeden Begegnung ist menschliche Zuwendung.

Denn darin, sind nun tatsächlich alle Menschen gleich: wir alle brauchen Anerkennung und wollen angenommen sein, ohne dass das an Bedingungen geknüpft ist – egal ob wir krank oder gesund sind, egal woher wir kommen oder was wir denken oder glauben.
Wenn wir spüren, dass wir in der Begegnung angenommen werden, angenommen werden im Respekt vor unserem Menschsein und im Respekt für unsere Unterschiedlichkeit, dann findet unsere Seele Ruhe, dann fühlen wir uns erquickt. Dann werden wir fähig unser Leben zu meistern, dann haben wir Lust und die Kraft unsere Welt zu gestalten.  Wir  alle sind einzigartig – wir haben unterschiedliche Lebensweisen, einen unterschiedlichen Glauben, unterschiedlichen Meinungen und unterschiedliche Fähigkeiten. Aber wir sind alle gleich in unserem Bedürfnis angenommen zu werden, anzukommen bei uns selbst und aufgenommen zu sein in die Gemeinschaft.

Wenn es gelingt, dass wir uns wirklich gegenseitig erkennen und anerkennen, dann können wir auch gemeinsam durch schwere Zeiten gehen, dann können wir Lasten teilen.

Im Galater Brief 6 Vers 2 heißt es:

„Einer trage des Anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“

Und wenig später: „Jeder trage seine eigene Last.“

Das erscheint nur auf den ersten Blick widersprüchlich. Jeder von uns ist auf sich alleine gestellt und GLEICHZEITIG in der moralischen Pflicht anderen zu helfen.

Wir helfen einander gegenseitig, damit jede und jeder sich selbst ertragen kann.

Denn nur so geht es:  wenn wir mit uns selbst im Reinen sind, dann können wir auch gut für andere da sein. Auch das lernen wir von Jesus Christus der gesagt hat „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Wenn uns das gelingt, dann entsteht Gemeinwohl. Wenn es uns gelingt einander zu stärken, dann  entsteht Gemeinschaft, in Liebesbeziehungen, in der Familie, im Freundeskreis, in der Kirche, in Parteien, Vereinen und auch in Firmen. Dann kann es gelingen eine Gesellschaft zu sein, in der jeder einzelne gesehen wird UND wir gleichzeitig das Gemeinwohl im Blick haben.

Übrigens gilt der Respekt und die Anerkennung – und das mag ein ziemlich lästiger Gedanke sein – auch für Menschen, die wir unsympathisch oder unangenehm, die wir so richtig blöd finden. Auch für Menschen die unserer Meinung nach völlig falsche Ansichten haben und sich so benehmen, dass sie uns stören.

Das heißt nicht, dass wir die Einstellungen und Ansichten von Anderen teilen müssen. Wir können und, wie ich finde, sollten auch in der Sache immer unsere Meinung und Haltung klar und mit Kraft vertreten. Aber Respekt und ein offener Blick auf Augenhöhe gebührt jeder und jedem!

Schon sprachlich bemerken wir: es geht auch um den Blick! Der menschliche Blick ist ganz entscheidend.

Sie alle kennen das: Im Blick unseres Gegenübers können wir frieren oder es wird uns ganz warm ums Herz. Im Blick erkennen wir den Menschen. An den Augen erkennen wir uns bis ins hohe Alter  wieder und wenn wir sterben ist es der Blick der bricht und uns den Tod anzeigt. Vielleicht haben Sie auch das viel diskutierte Buch von dem norwegischen Schriftsteller Karl Ove Knausgård gelesen mit dem Titel „Sterben“ – darin beschreibt er ein Selbstporträt Rembrandts, das dieser kurz vor seinem Tod gemalt hat. Er schriebt: „Doch die Augen sind klar, wenn auch nicht jung, so doch außerhalb der Zeit stehend, die dieses Gesicht ansonsten prägt. Das ist im Menschen, was die Zeit nicht anrührt und woher das Licht in die Augen kommt.“ Soweit Knausgard.

Es geht darum, dass wir einander anerkennen in unserer jeweiligen Besonderheit und unseren unterschiedlichen  Bedürfnissen.

Wer den Einzelnen sieht, will die Welt verändern.

(MUSIK)

Wer den Einzelnen sieht, will die Welt verändern.

Vielleicht stimmt sogar: Wer den Einzelnen sieht, wird die Welt verändern.

Wir arbeiten an einer Welt in der jeder Mensch mit den eigenen Fähigkeiten etwas beitragen darf und beitragen soll. Das meint der Begriff der Inklusion. Jeder ist willkommen und soll mittun, unabhängig von Herkunft, religiöser und sexueller Orientierung und auch unabhängig von seinen Fähigkeiten. Jeder Mensch ist notwendig.

Das gilt selbstverständlich auch für alle Menschen, die auf den ersten Blick vielleicht erst mal mehr brauchen, als geben können.

Das gilt für Menschen mit Behinderungen. Wir als Gesellschaft sind gefragt die Barrieren einzureißen, die Menschen erst richtig behindern.

Und das gilt für die Menschen, die vor Not und Vertreibung zu uns fliehen.

Es ist ja nicht so, dass Geflüchtete nur etwas brauchen – sie brauchen natürlich unsere Solidarität, ein Dach über dem Kopf, Essen, Trinken und eine gute Gesundheitsversorgung. Aber sie haben auch viel zu geben, ihre Erfahrungen, ihre Kultur und ihre Gestaltungskraft – gestalten wir unsere solidarische Gesellschaft gemeinsam.

Dabei finde ich es, auch als Politikerin, entscheidend, dass wir es schaffen alle mit einzubeziehen. Wir müssen jedem und jeder ermöglichen mitzutun und mitzugestalten – wirklich anzukommen in unserer Mitte, das  bedeutet auch ehrlich gehört und einbezogen zu werden.

Dabei gilt immer:

Der Wert eines Menschen hängt nicht von dem Beitrag ab, den er oder sie leistet. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Nur wenn wir das Leben mit unantastbarer Würde ausgestattet sehen, dann kann der Wert eines Menschen, egal ob er sich einbringt oder nicht, nie auf 0 gehen. Es ist gerade die Aufgabe des Gemeinwesens den Einzelnen zu fördern und ihr und ihm die Möglichkeit und nicht etwa die Pflicht zu eröffnen, sich zu entfalten. Das ist der Grundgedanke von Teilhabe.
Dabei geht es nicht darum von Oben herab, gewissermaßen in unserer Güte, etwas zu verteilen, sondern um die radikale Anerkennung der Gleichberechtigung, der gleichen Rechte aller.

Jede und jeder kann etwas beitragen und die Gemeinschaft ist dann mehr als nur die Summe der Einzelnen. Eine echte Gemeinschaft lebt von der Vielfalt, von unserer Vielfalt und wenn wir es schaffen, diese Vielfalt als Chance und nicht als Bedrohung zu sehen, dann macht uns das alle reicher.

Diese Gemeinschaften finden sich überall, auch heute hier in dieser wunderschönen Kirche, gemeinsam mit Ihnen den Hörerinnen und Hörern am Radio, gleich wenn wir rausgehen auf dem Marktplatz, oder bei unserer Arbeit, in unseren Familien, in der Nachbarschaft.

Und wir alle brauchen diesen Blick, mit dem auch Gott uns ansieht:

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, Ich will euch erquicken.
Nehmt auf Euch mein Joch und lernt von mir,
denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig;
so werdet Ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist Licht.“

Wir alle können gegenseitig dazu beitragen unsere Sehnsucht zu stillen, anzukommen bei uns selbst und in der Gemeinschaft – manchmal reicht schon ein liebevoller, warmer Blick, der sagt:

Ich sehe dich, du bist mir willkommen!