Strategien zur Förderung seelischer Gesundheit entwickeln

Rede in der Bremischen Bürgerschaft am 24.01.2013

 

Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

Sich wohlfühlen, die üblichen Lebensbelastungen bewältigen, ein selbstbestimmtes Leben in der Gemeinschaft führen und sich fürs Gemeinwohl einsetzen, Beziehungen und Freundschaften pflegen, den eigenen Platz finden und einnehmen, befriedigend und produktiv Aufgaben in der Schule, am Arbeitplatz, im Leben erfüllen können – all das macht seelische Gesundheit aus.

Aber Statistiken zufolge erleben sich zunehmend weniger Menschen in einem solchen Zustand:

Seelische Erkrankungen und seelisches Leid nehmen weiterhin zu.  Arbeitsunfähigkeiten, die so genannten Krankschreibungen, aufgrund psychischer Erkrankungen steigen.

Im Jahr 2010 waren 12% aller Arbeitsunfähigkeitszeiten explizit psychisch bedingt – noch gar nicht mitgerechnet, die Arbeitsunfähigkeiten wegen psychisch ausgelöster körperlicher Erkrankungen, wie wir es beispielsweise von zahlreichen orthopädischen Beschwerden kennen.

Mit einem Anteil von 38 % waren psychische Erkrankungen die häufigste Ursache für Frühberentungen.  Kinder- und Jugendärzte schlagen Alarm, dass immer mehr Kinder bereits im Grundschulalter seelische Schwierigkeiten hätten.  Dabei ist immer darauf zu achten, dass es niemanden etwas nutzt jede seelische Krise gleich mit psychischer Krankheit zu verwechseln – seelische Belastungen sind auch Normalität und verdienen keine Pathologisierung!

Und dennoch:

Wir haben es  mit einer sowohl für die betroffenen Menschen, als auch gesellschaftlich beunruhigenden Entwicklung zu tun – da müssen wir gegensteuern, da sind wir auch politisch gefragt!

Seelische Krisen und psychische Krankheiten entstehen immer aus einer Vielzahl von Faktoren – individuelle, persönliche, biologische Faktoren und eben auch Faktoren, die politisch beeinflussbar sind.

In der Debatte im September hier in der Bürgerschaft anlässlich der Antwort des Senats auf die Große Anfrage von uns Grünen zum Thema seelische Gesundheit hatte ich als Ergebnis vier Bereiche benannt, in denen unserer Meinung nach politischer Handlungsbedarf und politische Handlungsmöglichkeiten zur Förderung der seelischen Gesundheit in Bremen bestehen.

Das sind:

  1. Die Bildungseinrichtungen, wo die Bildungsinhalte auszubauen sind, die der Förderung einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung dienen.  Dabei muss auch die seelische Gesundheit der Lehrenden gefördert werden!  Wenn Schulen ein Ort werden, an dem sowohl die Lernenden, als auch die Lehrenden mehr seelischen Belastungen ausgesetzt sind, als dass sich Lebensfreude und Wissbegier entwickeln können, dann muss etwas verändert werden.
  2. Die Strukturen am Arbeitsplatz – wo zunehmend stärker darauf geachtet werden muss, dass Bedingungen, die seelische Belastungen verursachen reduziert werden und Bedingungen die günstig sind, ausgebaut werden.
  3. Die Förderung seelischer Gesundheit als Querschnittsaufgabe über alle politischen Bereiche hinweg zu begreifen.
  4. Bei der Versorgung psychisch Kranker in Bremen und Bremerhaven weiter an einer guten Vernetzung und qualitativen Weiterentwicklung passgenauer Angebote zu arbeiten – also eine neue Psychiatriereform in Bremen anzugehen.

Heute diskutieren wir einen Antrag der Koalition, der den Senat auffordert in den ersten beiden genannten Bereichen, also 1. im Bereich Bildung und 2. im Arbeitsbereich Strategien zur Förderung der seelischen Gesundheit zu entwickeln und weiter voran zu bringen!

Hierbei möge sich der Senat an den neuen Richtlinien der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie, an wissenschaftlichen Erkenntnissen und an Best-Practice-Modellen orientieren.

Bei einer Veranstaltung meiner Fraktion zum Thema seelische Gesundheit in der Schule, berichteten uns Schülerinnen und Schüler der Schule an der Schaumburgerstraße lebendig und eindrucksvoll von ihren Erfahrungen mit dem Schulfach „Glück“.  Das ist eine Möglichkeit, es gibt an Bremer Schulen noch viele andere gute Impulse – diese sollten unterstützt und ausgeweitet werden.  Es geht auch um Unterrichtseinheiten zur Förderung der Bewegung, der Kreativität, des Selbstwertes und des Umgangs mit Konflikten.

Im Rahmen eines Fachtages zum Thema seelische Gesundheit den die grüne Fraktion gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie im vergangenen November durchgeführt hat und an dem etwa 70 ExpertInnen aus Erfahrung, Klinik, Wissenschaft, Verwaltung und Politik teilgenommen haben, wurde für den Bereich Arbeit von den ExpertInnen, neben den Forderungen nach guten Arbeitsbedingungen und gut geschulten Führungskräften, angeregt, viel häufiger über Betriebe zu berichten, in denen auf die Förderung der seelischen Gesundheit geachtet wird – um andere Betriebe zur Nachahmung zu ermutigen.

Eine gute Idee, ein Aufruf an die geschätzten VertreterInnen der Medien – und eine Ermunterung die Strukturen im öffentlichen Dienst so gut zu gestalten, dass dieser eine Vorbildfunktion für andere Betriebe übernehmen kann.

Die Zukunftsvision seelische Gesundheit als Querschnittsaufgabe zu verankern, können wir nicht über parlamentarische Initiativen erreichen, da sind wir alle in unseren politischen Feldern gefragt.

Der vierte Handlungsbereich betrifft die Weiterentwicklung der psychiatrischen Versorgungslandschaft in Bremen und Bremerhaven – den entsprechenden Antrag von SPD und Grünen finden Sie bereits auf der Tagesordnung.  Diesen werden wir auf der Februarsitzung des Landtages debattieren.

Heute bitte ich Sie um Zustimmung zu dem vorliegenden Antrag zur Entwicklung von Strategien zur Förderung der seelischen Gesundheit in Bremen in den Bereichen Bildung und Arbeit!

Vielen Dank!

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